DIE VERHINDERUNG DER DISTANZ / BA-DIPLOM / ZHdK / 2025
HELFEREI ZÜRICH; GESSNERALLEE BÜHNE B ZÜRICH
AUSGEZEICHNET MIT DEM ZHDK FÖRDERPREIS
PRESS:
https://www.zhdk.ch/meldung/zhdk-foerderpreis-8518
MITWIRKENDE
SPIEL: ANNAKAT BANO, PAULA LYNN BREUER, ANELA LUZI, DANIELA BREUER, VALENTINA LUZI
INSZENIERUNG UND KONZEPT: PAULA LYNN BREUER
TEXTKOMPOSITION: PAULA LYNN BREUER
PIANO: MORITZ LIEBERHERR
BÜHNENBILD / LICHT: SAFIA HACHEMI
KOSTÜM: RUTH WULFFEN
DRAMATURGIE: KONSTANTIN ZÜLLICH
TECHNIK: BTW ZHDK, KONSTANTIN ZÜLLICH
MENTORAT: STEPHAN STOCK
Der Atem, der nach H-Milch riecht,
der starke Körper der Mutter,
ihre stolze Statur, wenn sie im Wohnzimmer tanzt,
die Prügelei im Hinterhof,
die Füße auf dem weißen Teppich,
das Surren des Kühlschranks,
der Wind in den Haaren,
die Wärme des Gegenübers,
die Musik aus der Nachbarswohnung („I've fallen in love, I've fallen in love for the first time, this time I know it's for real…“),
der Geburtstag, der die Zeit sprengt,
das Ziepen, wenn die Mutter die Haare kämmt,
die Worte, die nicht über die Lippen kommen,
der Blick durchs Schlüsselloch,
zusammen auf der Achterbahn.
Können Erinnerungen auf der Bühne live rekonstruiert, re-enactet werden? Und geben sie dabei nicht immer mehr über das Heute preis als über das Damals? Welche Erinnerungen begleiten uns ein Leben lang? Welche sind zu schmerzhaft, um sie zu teilen? Welche Erfahrungen hat meine Mutter bereits gemacht, die mir noch bevorstehen? Wann werden aus Wünschen für die Zukunft verpasste Chancen? Und wie hilft Erinnern, unsere Vergänglichkeit zu zelebrieren und das Jetzt intensiver zu erleben?
Die Theatermacherinnen Paula Lynn Breuer, Annakath Bano und Anela Luzi sowie die Mütter zweier von ihnen, Daniela Breuer und Valentina Luzi, erforschen Erinnerung, Ritual und Vermächtnis. Wie lassen sich intime, fragile Erinnerungen re-enacten und neu beleben? Können Gefühle erneut aufkommen, wenn äußere Eindrücke nachgestellt werden?
Das Stück erforscht, ob und wie Erinnerungen im Theater re-enactet und in ihrer Intimität und Fragilität wieder zum Leben erweckt werden können – und wo diese Darstellungsform an ihre formalen und moralischen Grenzen stößt. Auf Basis intensiven Austauschs und in Kooperation mit den Spielenden wurde von Paula Lynn Breuer der Stücktext geschrieben. Doch die Erinnerungen und Träume entfalten sich nicht nur sprachlich, sondern auch körperlich und sinnlich: in Bewegung, Duft, Klang, Berührung. Die Re-enactments führen bis ins Bizarre und Schmerzvolle, um den oftmals obsessiven Charakter des Erinnerns offenzulegen. So entsteht ein theatraler Text und eine physische Auseinandersetzung, die zwischen fragiler Intimität und formalisierten, abstrakten, teils clowns-esk anmutenden Momenten oszilliert. Die Arbeit ist sowohl persönlich als auch – oder gerade deswegen – hoch politisch. Sie sammelt und theatricalisiert Erinnerungen aus verschiedensten Kontexten, ohne einzelne vollständig auszuformulieren. Die Fluchtgeschichte der Mutter, einer albanischen Volkstänzerin, das erste Mal Achterbahn fahren, das Zittern der Hand des kranken Vaters, das Ziepen beim Haarbürsten, der Geruch von H-Milch sowie eine Missbrauchserfahrung stehen „gleichwertig“ nebeneinander in einer zeremoniellen Anordnung. Das kollektive Erinnern der Frauen, das Schamgrenzen und Tabus durchbricht, wird in seiner Form selbst zum Politikum.
Szenografischer Ausgangspunkt dieser Auseinandersetzung ist das Wohnzimmer der Kindheit, jedoch in steriler, unpraktischer Weise angedeutet. Die Stühle haben keine Sitzflächen, Teppiche und Vorhänge sind vergrößert und überdimensioniert. Schon hier wird das Verhältnis zwischen Realität und Erinnerung und deren Wechselwirkung sichtbar. In diesem Wohnzimmer- bzw. Erinnerungsraum werden Geburtstagsfeiern gefeiert, Totenwachen gehalten, der erste sexuelle Übergriff erlebt, die kranke Großmutter mit selbstausgeführten Tänzen bei Laune gehalten, Zärtlichkeiten von den Eltern vergeblich gesucht – und manchmal gefunden. Vor allem aber wird dort von der Zukunft, vom Heute geträumt.
Es entsteht eine intime und sinnliche Welt, in der schmerzhafte und genussvolle Erinnerungen in theatralen „Ritualen“ transformiert werden. Obwohl mit solch intimen Erinnerungen gearbeitet wird, erhält der Abend keinen dokumentarischen oder autobiografischen Charakter. Erinnerungen werden ausgetauscht, fiktionalisiert und auf ein größeres theatrales Bild übertragen. Es geht um das kollektive Erinnern und Vergessen an sich und um seine politische wie spirituelle Bedeutung – um das gemeinsame Aushalten menschlicher Bedürftigkeit und Endlichkeit.
Die Verhinderung der Distanz ist eine theatrale Zeremonie der Vergänglichkeit, ein feierlicher Versuch, Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart, Sakrales und Profanes sowie mehrere Generationen aufeinandertreffen zu lassen. Ein Schweben zwischen dem ganz Persönlichen und dem Allzumenschlichen – der Versuch, sowohl zeitliche als auch emotionale Distanz zu verhindern.












